Architektur zwischen Stadt, Natur und Arbeit: Die Architekten Grüntuch Ernst im Interview

Einführung zum Interview

Aera Gruntuchernst Interview

ARCHITEKTUR ZWISCHEN STADT, NATUR UND ARBEIT: DIE ARCHITEKTEN GRÜNTUCH ERNST IM INTERVIEW

Das Büro Grüntuch Ernst Architekten wurde 1991 von Armand Grüntuch und Almut Grüntuch-Ernst in Berlin gegründet.

Grundlage ihrer Arbeit sind die traditionellen Werte in der Architektur, denn sie basieren auf der positiven Erfahrung mit gebauter Umwelt. Innovationen sind die notwendigen Schritte in die Zukunft, um neue Möglichkeiten zu eröffnen für die Herausforderung der sich wandelnden Lebens- und Arbeitsverhältnisse.

Über Exploration und Perspektiven

ÜBER EXPLORATION

UND PERSPEKTIVEN

FRAGE: Ein faszinierender Aspekt Ihres Bürogebäudes AERA ist, dass es einlädt zur Exploration – sowohl indoor wie outdoor. Was waren Ihre Ziele bei der Gestaltung dieser Arbeitswelt von morgen, die schon heute erlebbar ist?

GRÜNTUCH ERNST: Die künftigen Nutzer des Bürogebäudes werden diese besondere Arbeitswelt als stimulatives und inspirierendes Umfeld erleben können. Der Neubau ist der erste Baustein der Transformation auf dem Kraftwerkgelände.

Seit mehr als 120 Jahren wurden in Charlottenburg große Flächen des Nordufers der Spree vom Kraftwerkgelände dominiert. Mit der Transformation und Nachverdichtung am Spreeufer wird dieser attraktive Bereich im Zentrum Berlins für neue Formen des Wohnen und Arbeitens wiederentdeckt.

Mit der Nachverdichtung der Stadt wird hier nicht nur das Bauvolumen gesteigert sondern auch ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft geschaffen, denn der Neubau verbindet stimulierende Arbeitswelten mit ökologischen und sozialen Angeboten.

DAS PROJEKT SCHAFFT EINEN ÖFFENTLICH ZUGÄNGLICHEN, BEGRÜNTEN AUFENTHALTSORT IN VERDICHTETER STADTLAGE UND VERBINDET DIE BÜROARBEITSPLÄTZE MIT NEUEN ORTEN DER KOMMUNIKATION UND ERHOLUNG. ES FÖRDERT GESUNDHEIT, SOZIALE BEGEGNUNG UND NATURERFAHRUNG IM ALLTAG.

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Architektur und Landschaft verschmelzen zu einer kaskadierenden Topografie, in der Innen- und Außenräume fließend ineinander übergehen. Der Dachpark kompensiert die versiegelte Fläche und führt auf einen Aussichtsplatz auf 30 Meter über der Stadt und den Blick in die Weite des Flussraums an der Spree.

Entlang der Darwinstraße gibt es zwei adressbildende Eingangsbereiche, die alle Bereiche und Ebenen erschließen und damit eine Unterteilung und Verknüpfung der Büroflächen in unterschiedliche Nutzungseinheit ermöglichen. An der Spree, im Kopfteil des Gebäudes, empfängt eine großzügige Lobby die Besucher des Hauses. Zusätzlich verbunden sind die Flächen durch eine kaskadenartige Außentreppe. Der parkähnliche Dachgarten lädt zur Exploration ein: für Erholung, informelle Begegnungen und einen herrlichen Ausblick über Spree und Stadt.

UNSER ZIEL WAR ES, AN DIESEM BESONDEREN ORT EINE BÜROUMGEBUNG ZU SCHAFFEN, DIE INNEN- UND AUSSENRÄUME FLIESSEND INEINANDER ÜBERGEHEN LÄSST UND EINE ARBEITSWELT VON MORGEN BEREITS HEUTE ERLEBBAR MACHT.

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Büroflächen mit flexiblen Grundrisse, viel Tageslicht, inspirierenden Ausblicken und fluiden Übergängen zwischen Innen und Außen öffnen das Gebäude für vielfältige Raumkonzepte – jetzt und in der Zukunft.

Besonders wichtig war uns der direkte Zugang zu begrünten Außenbereichen auf jeder Ebene: durch großflächige Schiebetüren lassen sich die Arbeitsbereiche in den Außenraum erweitern. Die Nutzer können jederzeit zwischen drinnen und draußen wechseln – eine Qualität, deren Bedeutung sich während der Corona-Krise besonders gezeigt hat.

AERA versteht sich damit als Arbeitsbühne, die durch ein flexibles Stützenraster, offene technische Infrastruktur und anschließende Außenbereiche auf fast allen Etagen wandelbare, elastische Räume ermöglicht – und somit den radikalen Veränderungen moderner Arbeitswelten gerecht wird.

Über ästhetische Nachhaltigkeit

ÜBER ÄSTHETISCHE

NACHHALTIGKEIT

FRAGE: Die Mierendorff-Insel in Berlin-Charlottenburg gilt als das Vorzeigemodell für nachhaltige Stadtentwicklung (Green Island) – das AERA übererfüllt diesen Anspruch, nicht allein aufgrund des einzigartigen Aufstiegs, der Terrassen und des Dachparks. Was macht Ihr Nachhaltigkeitskonzept aus?

GRÜNTUCH ERNST: Das Nachhaltigkeitskonzept des AERA verbindet ökologische Leistungsfähigkeit mit räumlicher Qualität und ästhetischer Klarheit. Es basiert auf einem naturbasierten Verständnis von Architektur, das Pflanzen als integralen Bestandteil des Entwurfskonzepts begreift und Natur und Artefakt enger miteinander verwebt. Ziel ist es, die urbane Nachverdichtung mit einem ökologischen und sozialen Mehrwert zu verbinden und die Verbindung von Mensch und Natur im städtischen Raum zu stärken.

ARCHITEKTUR IST TEIL DES URBANEN ÖKOSYSTEMS UND WIR HABEN IHRE OBERFLÄCHEN DES GEBÄUDES MIT BEGRÜNUNG AKTIVIERT, UM FEINSTAUB UND LUFTVERSCHMUTZUNG ZU ABSORBIEREN, SAUERSTOFF UND VERDUNSTUNGSKÜHLE ZU PRODUZIEREN, REGENWASSER ZU SPEICHERN UND DEN ERHOLUNGSWERT IM STADTRAUM ZU STEIGERN.

Die Gebäudehülle wird also nicht nur für den menschlichen Komfort innerhalb der umschlossenen Räume optimiert, sondern wirkt mit großflächigen Pflanzungen und ihren Ökosystemleistungen nach außen – in den Stadtraum.

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Der großzügige 2.200 m² große Dachpark kompensiert den Großteil der versiegelten Bodenfläche und trägt mit rund 30 bis zu zwölf Meter hohen Bäumen und 25 Pflanzenarten zur Biodiversität und klimatischen Resilienz bei. Das Retentionsdach ermöglicht eine natürliche Form der Bewässerung, sodass keine Einleitung in das öffentliche Kanalsystem erforderlich ist. Für die Standsicherheit der ausgewachsenen Bäume wurde die Stahlbetonkonstruktion durch einen erhöhten Bewehrungsgrad und fixierte Pflanzstühle ertüchtigt.

Diese Form ästhetischer Nachhaltigkeit versteht Architektur als aktiven Bestandteil des urbanen Ökosystems: die Gebäudehülle wirkt nicht nur nach innen, sondern übernimmt Ökosystemleistungen für den Stadtraum. Das AERA leistet damit einen Beitrag zur klimaresilienten Nachverdichtung der Mierendorff-Insel und definiert das Verhältnis von Artefakt und Natur neu.

Über die positive Energie des Wandels am Spreebord

ÜBER DIE POSITIVE ENERGIE

DES WANDELS AM SPREEBORD

FRAGE: Neben dem AERA wird Ihr Spreebord Turm Berlin ein Element der Umgestaltung des Stadtbausteins sein – wie interagieren neue Wohn- und Arbeitswelten mit den anderen identitätsstiftenden Objekten (Bildgießerei Noack) und Projekten (Kraftwerksmodernisierung inkl. Klimaneutralität/BEW) Am Spreebord?

GRÜNTUCH ERNST: Das AERA entfaltet seine Wirkung vor allem durch seine besondere Lage an der Spree: Der Fluss bildet das verbindende landschaftliche Rückgrat zwischen den bestehenden kulturell geprägten Orten wie der Bildgießerei Noack, den technischen Zukunftsprojekten der Kraftwerksmodernisierung und den neu entstehenden Wohn- und Arbeitswelten.

Durch seine terrassierte Form und die Möglichkeit des Aufstiegs bis hinauf zum Dachpark, öffnet das Gebäude diesen Uferraum erstmals in dieser Höhe und Qualität. Es schafft Sichtbeziehungen, Wege und Aufenthaltsorte, die den Stadtraum am Wasser neu beleben und den Übergang zwischen industriellem Erbe und zeitgenössischer Architektur erlebbar machen.

Das benachbarte, derzeit noch unbebaute Grundstück zwischen AERA und den anderen Gebäuden wird künftig ebenfalls mit Wohn- und Bürogebäuden entwickelt. Damit schließt sich die städtebauliche Lücke, und die Straße Am Spreebord erhält eine neue Kontinuität und Urbanität. Gemeinsam erzeugen die neuen Projekte – in Verbindung mit den bestehenden identitätsprägenden Orten – ein Ensemble, das den Wandel positiv aufnimmt und den Uferraum der Spree zu einem lebendigen, vernetzten Stadtbaustein transformiert.

Städtebaulicher Kontext und Umfeld

Aera Gruentuch Ernst Urban Context

In unmittelbarer Nachbarschaft zum AERA entsteht hochwertiger, nachhaltiger Wohnraum – darunter der SPREEBORD TURM BERLIN von Grüntuch Ernst Architekten.

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